Grußwort von der IL-Strategiekonferenz
Graphic Recording der Auftaktdiskussion
An die Genoss*innen, an die Freund*innen,
"Kipppunkte" bezeichnet in der Klimaforschung solche Punkte, die das Gesamtsystem in einen neuen Zustand versetzen - mit vielen ungewissen Konsequenzen. Uns ging es an diesem Wochenende vor allem auch um gesellschaftliche Kipppunkte - also um kritische Schwellenwerte in der Gesellschaft, deren Überschreitung ebenso ungewisse Konsequenzen nach sich ziehen.
Als Einladende haben wir vier dieser gesellschaftlichen Kipppunkte identifiziert, in denen wir Möglichkeiten einer linken Intervention sehen:
- Was passiert, wenn Rechte regieren?
- Wenn das Kriegsregime herrscht?
- Wenn das Klima kollabiert?
- Wenn sich das Kapital neu formiert?
Die Gegenwart der überschrittenen oder kommenden Kipppunkte ist zweifellos düster. Unabhängig unserer ideologischen, praktischen oder theoretischen Fundamente scheint die Frage nicht länger "Sozialismus oder Barbarei?", sondern viel mehr "Sozialismus in der Barbarei?" zu lauten.
Wir wissen also, dass es anders werden muss. Dass es aber anders werden kann, darum müssen wir kämpfen. Deswegen haben wir uns in Berlin getroffen, um der Vereinzelung und der von vielen empfundenen Ohnmacht etwas entgegenzusetzen.
Wir haben uns gefragt: Stehen wir vor, an, oder sind wir bereits hinter den Kipppunkten? Was sind unsere linken Strategien für die Zukunft? Und welche Praxen brauchen wir dafür? Nicht zuletzt: Wie kommen wir in all unserer Unterschiedlichkeit, in unseren Kämpfen, die sich auf so unterschiedliche Ausprägungen des Gegenwärtigen konzentrieren, zu etwas Gemeinsamen? Wie können wir unsere Kämpfe (wieder) aufeinander ausrichten?
Von Kampf können wir natürlich erst sprechen, wenn wir die Strategien der Konferenz auf der Straße austragen! Aber bevor das passiert, wollen wir euch danken: Wir sind froh, dankbar und kämpferisch, dass wir dieses Wochenende zu so Vielen hier waren. Dass wir diskutiert, gestritten, geplant und organisiert haben, dass wir beieinander waren und umeinander wussten. Damit war diese Konferenz im allerbesten Sinne und in jeglicher Hinsicht etwas Gemeinsames!
Wir wollen euch dazu einladen, die Inhalte der Konferenz weiter zu diskutieren, weiter zu denken und zu verbreiten, "was damit zu machen".
Es tat gut, uns an diesem Wochenende so zahlreich zu wissen, über so viele Generationen, Gruppen und Zusammenhänge der gesellschaftlichen und radikalen Linken hinweg. Es tat gut, so viele Jahre, so viele Jahrzehnte an radikaler linker Erfahrung an diesem Wochenende versammelt sprechen zu hören. Es tat gut, weil wir irgendwie auch wieder dort angelangt sind, wo wir alle einmal angefangen haben: Am Auftakt eines kollektiven Versuchs, etwas Eigenes, uns Gemeinsames aufzubauen.
In dieser düsterer werdenden Gegenwart haben wir uns, das hat dieses Wochenende gezeigt, neu zu finden versucht; haben wir neue gemeinsame Grundlagen für die Politik einer kommenden Zeit ergründet. Wie können wir uns selbst neu finden und erfinden, um Subjekte auf der Höhe der Zeit zu sein? Wir müssen uns vorbereiten, müssen uns sicher sein, müssen Vertrauen, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit zwischen uns schaffen.
Wir müssen die immer wieder neuen Mechanismen verstehen, mit denen Staat und Kapital uns zu Kompliz:innen ihrer Barbarei zu machen versuchen. Wir wissen, oft waren in der Geschichte der Linken weder die herrschenden Verhältnisse rosig noch die Aussicht auf Verbesserung groß. Aber wir wissen auch um all die Kämpfe, die trotz und manchmal entgegen aller Wahrscheinlichkeiten geführt wurden, und aus denen wir heute Hoffnung, Inspiration und unser Wissen schöpfen. Das Offensichtlichste darin ist vielleicht, dass wir unsere Geschichte - trotz alledem - selbst machen. Für all das haben wir uns an diesem Wochenende getroffen:
Für einen Anfang, für ein Weitermachen.